Es war uns ein Fest und eine Freude zugleich! Aus der RHEINPFALZ vom 26.11.2025
Ein Artikel von ANDREAS LANG.

Singen verbindet – in diesem Fall den Frankenthaler Männerchor 03 und Bewohner in Seniorenheimen, die er zweimal im Jahr glücklich macht. Dabei werden auch Erinnerungen wach.

Plötzlich wird die Seniorin in Heilig Geist ganz andächtig. Eben hat sie zu den beschwingten Takten des Frankenthaler Männerchors 03 mit ihrem Rollator noch fidel Kreise durch die Aula des Seniorenheims gezogen, hat gefeixt und Mitbewohner zum Mitmachen animiert. Und von einem Moment auf den nächsten erstarrt sie, fixiert die knapp 25 Sänger. Ganz leise singt sie Teile des Refrains des Pfälzer Liedes mit, bei der Schlusszeile „Mein Pfälzer Land, wie schön bist du“ werden ihre Augen feucht.
Solche Momente der Ergriffenheit sind es, die die regelmäßigen Konzerte des reinen Männerchors in Seniorenheimen besonders machen. An diesem Nachmittag steuern sie gleich vier Adressen in Frankenthal, Bobenheim-Roxheim und erstmals in Worms an. Zwar im Stundentakt und damit unter einem gewissen Zeitdruck. Aber sobald Chorleiter Walter Zipp den Taktstock hebt und die Pfälzer Hymne mit „Grüne Reben, dunkle Wälder, hohe Berge, weite Felder, gold’ne Sonne, gold’ner Wein“ angestimmt wird, sind die diesmal zwei Dutzend Sänger eins mit ihrem Publikum.Wo Worte fehlen, wird gewippt
Wo Worte fehlen, wird gewippt
Die meisten Senioren kleben regelrecht an deren Lippen, lange nicht mehr gesungene Textzeilen steigen in der Erinnerung wieder auf. Und wo die Worte fehlen, wird mit den Füßen mitgewippt oder mit den Fingern auf den Griffen des Rollators im Takt mitgeklopft. In der ersten Station, dem Haus Edelberg in der Mörscher Straße, hält es einen Senioren kaum auf seinem Stuhl. Immer wieder gibt er der Pflegerin an seiner Seite zu verstehen, dass es ihn dränge, etwas zu sagen. Als er am Ende des gut 20-minütigen Programms endlich die volle Aufmerksamkeit erhält, bekommt er vor lauter Rührung nur die Worte „Danke, bravo, danke“ heraus.

Weiter geht’s mit dem Tourbus in Richtung Caritas-Altenzentrum Heilig Geist in der Rheinstraße in Frankenthal. Dort wird die fröhliche Sängerschar schon erwartet, von gut 30 Zuhörern, aber auch von Lydia Schlöder, Leiterin der sozialen Betreuung in der Einrichtung. Sie hält Kontakt zu den stimmgewaltigen Männern und hat sie bereits zum dritten Mal für einen Gastauftritt gewinnen können. Bei der Frankenthaler Stadthymne „De schääne Karl“, die gefühlt der halbe Saal mehr oder weniger herzhaft mitträllert, dreht sich eine Seniorin um: „Ich hab’ ihn noch gekannt, de Karl.“
Der Blumepeter von Frankenthal
Nach dem Konzert erzählt die Mittachtzigerin, wie ihr der hagere und verhärmte Gelegenheitsarbeiter beim Ausfahren von Obst und Gemüse für „de Feige Daddel“ immer wieder begegnet sei. Lange galt „de schääne Karl“ als fiktive Figur aus der Feder des Rheinhessen-Duos. Mittlerweile mehren sich die Hinweise, dass er in den 30er- und 40er-Jahren eine ähnlich tragische Gestalt war wie der Blumepeter in Mannheim oder die Hemshof Friedel in Ludwigshafen.

Manchmal bekommt der Männerchor solche Episoden noch mit. Manchmal hasten die Sänger nach knappem Small Talk schon weiter zur nächsten Station. An diesem Nachmittag beglücken sie noch Senioren im Caritas-Altenzentrum St. Magdalena in Bobenheim-Roxheim und im Wormser Sophienstift.
Am frühen Abend geht es zurück zum TSV Eppstein, wo sie sechs Stunden zuvor bei eisigen Temperaturen ein kurzes Gastspiel gegeben haben, um die gute Sache von Mery Mappes zu unterstützen. Mit ihrem mittlerweile legendären Benefiz-Adventsmarkt hat die Powerfrau in kompletter Eigeninitiative wieder einen fünfstelligen Betrag für das Kinderhospiz Sterntaler in Dudenhofen erlöst. Der Männerchor 03 oder auch Grabowsky dankten es ihr mit Gigs auf der Bühne.
Mit der Hand auf der Brust
Seit gut fünf Jahren geht der 1. Frankenthaler Männerchor 03 zwei Mal im Jahr auf Tournee durch Seniorenheime in Frankenthal und näherer Umgebung. Die ersten Kontakte hatte Steffen Kumpf hergestellt, der als ambulanter Physiotherapeut auch dort arbeitet. In voller Stärke stehen mittlerweile 40 Tenöre und Bässe vor Dirigent Walter Zipp. Beim Palzlied der „Anonyme Giddarischde“ legen einige die Hand auf die Brust. Und ansonsten haben sie Spaß am Gesang und der Gemeinschaft.
Die Dankbarkeit, die ihnen entgegenschlägt, ist ihnen Lohn genug für ihren sozialen Einsatz. Bei ihrem nächsten Abstecher im Heilig-Geist-Zentrum erwartet die Sängerin noch eine Steigerung. Neben einer Runde Rieslingschorle hat Lydia Schlöder ihnen eine Pfälzer Delikatesse versprochen, deren Name klingt wie ein Song in ihrem Repertoire: Lewwerworschde-Schnittscher.
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ, Ausgabe Frankenthal vom 26.11.2025